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Beispiel­rede: Rede auf das Geburtstags­kind

Lena hält diese Rede zum 60. Geburtstag ihrer Mutter Petra, im Gasthaus vor rund 50 Gästen. Eingestellt waren 4 Minuten, locker und humorvoll, herzlich. Alle Namen und Geschichten sind erfunden.

Die Rede

Liebe Mama, liebe Familie, liebe Freundinnen und Freunde von Petra,

wer meine Mutter kennt, kennt diesen Satz. Er fällt, wenn der Keller unter Wasser steht, wenn das Auto nicht anspringt oder wenn jemand am Telefon weint: „Das kriegen wir hin.“

Ich bin Lena, die ältere von Petras Töchtern. Und ich habe diesen Satz zum ersten Mal richtig verstanden, als ich zehn wurde.

Am Abend vor meinem zehnten Geburtstag ist die Torte vom Küchentisch gefallen. Es war elf Uhr, draußen lag Schnee, die Läden waren zu. Mama hat sich die Schürze umgebunden und gesagt: „Das kriegen wir hin.“ Am nächsten Morgen stand eine neue Torte auf dem Tisch. Sie war schief. Sie war die beste, die ich je hatte.

So ist Mama. Sie repariert Dinge, bevor andere überhaupt merken, dass sie kaputt sind. Unser Toaster ist von 1989. Er funktioniert. Wir wissen alle, warum. Und wer schon einmal mit ihr umgezogen ist, weiß, dass Mama Kartons nicht beschriftet, sondern nummeriert. Die Liste dazu hat nur sie. Verloren gegangen ist noch nie ein Karton.

Wenn man auf ihre sechzig Jahre schaut, sieht man viele solche Momente. Das Mädchen aus Kassel, das mit neunzehn allein nach Göttingen zieht, um Buchhändlerin zu werden. Die junge Frau, die 1994 ihren eigenen Laden aufmacht, mit drei Regalen und einem Schaufenster, das sie selbst gestrichen hat. Die Mutter, die abends die Bücher sortiert und trotzdem jede Gutenachtgeschichte vorliest, mit verstellten Stimmen. Und die Frau, die mit achtundfünfzig beschließt, dass sie jetzt Italienisch lernt. Inzwischen kann sie fließend Pizza bestellen. Ihre Lehrerin sagt, sie sei die Einzige im Kurs, die jede Woche ihre Hausaufgaben macht.

Mama, du hast Carla und mir nie erklärt, wie man Dinge hinbekommt. Du hast es einfach vorgemacht. Du hast uns gezeigt, dass man nicht auf den perfekten Moment wartet, sondern um elf Uhr abends eine neue Torte backt, mit dem, was eben da ist.

Seit Jahren sagst du, dass du irgendwann den Motorradführerschein machst. Wir haben das lange für einen Witz gehalten. Inzwischen sind wir nicht mehr so sicher.

Deshalb wünsche ich dir für die nächsten Jahre genau das: Zeit für alles, was du dir noch vornimmst. Die Reise nach Sizilien, das Italienisch, vielleicht sogar das Motorrad. Und wenn dabei etwas schiefgeht, und das wird es, dann weißt du ja, was man in so einem Moment sagt. Und ab und zu wünsche ich dir auch einen Nachmittag, an dem niemand anruft, weil etwas nicht funktioniert. Wir versuchen es. Versprechen können wir es nicht.

Liebe Gäste, bitte hebt eure Gläser. Auf die Frau, die alles hinkriegt. Auf dich, Mama. Auf Petra.

Warum diese Rede funktioniert

  • Ein Lieblingssatz als roter Faden: „Das kriegen wir hin“ steht am Anfang, trägt die Geschichte mit der Torte und kehrt kurz vor dem Toast zurück. Jeder im Raum kennt den Satz, deshalb lachen alle mit.
  • Stationen als Bilder: Kassel, Göttingen, der eigene Laden, Italienisch mit achtundfünfzig. Vier kurze Bilder statt eines Lebenslaufs.
  • Humor ohne Altersspott: Die Rede feiert die sechzig, macht sich aber nicht darüber lustig. Die Pointen kommen aus Petras Eigenheiten, dem Toaster und der Pizza.
  • Ein konkreter Wunsch: Sizilien, Italienisch und das Motorrad stammen aus Lenas Antworten, nicht aus dem Glückwunschkarten-Regal.
  • Ein klarer Schluss: Der Toast nennt den Menschen, nicht die Zahl.

Stand: 26.09.2026

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